Sonntag, 4. Oktober 2015

Corrida (Der neue Job Teil 1)

Es passiert zum eintausendsten Mal. Es geht mir seit genau eintausend Malen ganz gewaltig auf den Sack. Ich frage meine Mutter wie es ihr geht, wie es meinen Eltern geht.

Meine Mutter leidet seit ich denken kann an Colitis ulcerosa. Jetzt ist sie Mitte Siebzig und hat in den letzten fünf Jahren mehr abgebaut als in den zwanzig Jahren davor. Vor allem körperlich. Aussichten auf Besserung gibt es nicht. Das ist mir selbstverständlich alles andere als egal.

Meine Eltern leiden ebenso lange an einer ebenso chronischen Beziehungskrise. In den letzten Jahren ist die Hoffnung auf Besserung einer dramatischen Resignation gewichen. Vor allem bei meiner Mutter. Das ist mir auch nicht egal. Es macht mich wütend. Weil meine Eltern zu träge, zu unentschlossen, zu feige oder – sorry – zu blöd waren, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. (Gut, vielleicht hatten sie aufgrund der Umstände auch keine Möglichkeit dazu. Was ich in meinem tiefsten Inneren aber bezweifle.)

Also frage ich meine Mutter wie es ihr geht, wie es meinen Eltern geht.

In Tonfall einer Nachrichtensprecherin sagt meine Mutter: „Es ist ja immer etwas.“ Dieser Tonfall ist Fassade. Die gestelzte Pointierung der jeweils letzten Wortsilbe verrät das. Zumindest mir. „Kannst du das konkretisieren?“, setze ich nach. Meine Mutter antwortet: „Ach lassen wir das, es ist doch immer dasselbe. Was machen die Jungs?“ Das ist es! GENAU DAS IST ES! Wer ‚A‘ sagt, muss auch ‚B‘ sagen! Warum – verdammte Scheiße nochmal – macht sie das? Warum rammt sie die emotionale Banderilla ein, um die Corrida dann nicht zu Ende zu bringen? Was will sie erreichen? Das macht so null Sinn. Ich habe meine Mutter schon vielfach gebeten, einfach nichts mehr anzudeuten. Um mir die Spekulationen über den Zustand ihrer Gesundheit bzw. der Ehe zu ersparen. Ich habe sogar versucht, nicht mehr zu fragen. Dann aber bräuchte ich gar nicht erst anzurufen. Pah, wie mir das auf den Sack geht!

Paula knipst das Licht aus. Schon seit Stunden glibbert zähflüssig ihre Stimmung durch die Wohnung. Sie atmet tief ein. So als wolle sie mir gleich beichten, dass sie meine Lieblingsschallplatte zertrümmert hat. Sie schiebt sich an mich heran und legt den Kopf auf meine Schulter. „Was ist?“, frage ich. Die Corrida ist eröffnet. Mit einem weiteren Stoßseufzer setzt Paula zielsicher die Banderilla: „Ach, ich fühle mich so …“


Die Widerhaken des Schweigens schmerzen in meinem Fleisch. Wie der verwundete Stier warte ich mit gesenktem Kopf auf den nächsten Stich in den Nacken. Aber nichts da. Nur Stille. Tiefes Atmen. Starres Verharren. Ich mache die Augen auf. Das Mondlicht und die Blätter der Bäume vor dem Haus werfen irrlichternde Schatten auf das Moskitonetz. Unheimlich. Ich mache die Augen wieder zu. Nun irrlichtern meine Gedanken:

Noch nicht mal mehr vier Wochen, bis Paula ihren Job wechselt. Nach 26 Jahren in der Klinik, Abschied nehmen von liebgewonnenen Kollegen, das Gefühl, Freundinnen in dem Chaos der Station alleine zurückzulassen, die Ungewissheit, wie es am neuen Arbeitsplatz wird, die Unsicherheit einer Probezeit oder vielleicht die darüber, dass wir uns zuhause neu sortieren müssen so ganz ohne Schichtdienst. Die Aufregung, dass nächste Wochen „ihre Mädels“ zu Besuch kommen, die sie während der Kur vor anderthalb Jahren kennengelernt hat. Paula spürt, dass ich mich immer wieder mit jemandem treffe. Sie ahnt etwas. Weil ich in letzter Zeit häufig zu Konzerten gehe, ohne sie zu fragen, ob sie mitgeht. Sie weiß sogar, dass es Carine ist. Beate aus unserem Ex-Tanzzirkel hat es ihr zugeraunt; sie kennt Carine. Paulas Mutter geht es im Pflegeheim noch schlechter. Jakob hat an der neuen Ausbildungsstelle Mist gebaut. Lilith hat sich von Arnold getrennt. Bei den beiden herrscht schon seit Wochen dicke Luft.

Spekulationen. Gehen mir auf den Sack.
Ich denke an meine Mutter und drehe mich um.


Samstag, 1. August 2015

Training

Woran man Modewörter erkennt?“, fragt Kurt Tucholsky. Und antwortet gleich selbst: „Man erkennt sie nicht, man muss das fühlen.“ Mir fallen „Heuschrecken“ oder „Wutbürger“ ein. Und „Helikoptereltern“, die ihrem Nachwuchs jeden Wunsch erfüllen, sich eigentümlich konsequent für sein Wohlergehen einsetzen und sich mit ihm verbünden.

„Menschenskind“, tippe ich in eine SMS, „nu isses soweit: Frau Napf wird 29! Da gratuliere ich allerherzlichst, wünsche Glück, Gesundheit und Geduld. Außerdem freue ich mich auf ein gemeinsames Gläschen.“ Marlies – das ist Frau Napf – reagiert sofort. Nicht etwa, weil es ihr schmeichelt, dass ich ihr bereits zum 14. Mal zum 29. gratuliere. Nein, wir waren Kollegen. Vor vielen Jahren schon. Verstehen uns bis heute gut. Wir verabreden uns für Mittwoch. Auf ein Gläschen. Oder zwei.

Ich schreibe noch eine SMS. An Paula. Um sicherzugehen, dass dieser Mittwochabend klargeht. Am Dienstag klären wir, dass ich nach der Arbeit zum Abendessen nach Hause komme und mich mit Marlies erst um halb neun treffe.

Ich safte, bin eben nach Hause gekommen. Die zehn Kilometer auf dem Rad vom Büro sind bei 25° C ziemlich schweißtreibend. (Ich habe weder ein Pedelec, noch fahre ich im Rentertempo.) Während ich mir die Radhandschuhe ausziehe, kommt Paula aus der Küche:

„Du …?“, sagt sie. Um genau zu sein, sagt sie: „Duhuuu?“ – zwei Silben mit Signalwirkung: Achtung, jetzt kommt was. „Wolltest du nachher mit dem Auto in die Stadt fahren?“, fragt sie.

„Äahh …“, für ein paar Sekunden zögere ich. Spiele die Vereinbarungen für heute Abend im Kopf durch. Ich finde nichts, was mir falsch vorkommt. „Das haben wir doch so besprochen“, sage ich mit ehrlicher Überzeugung.

„Der Jakob (unser Ältester) ist im Training“, sagt Paula, „wenn du direkt um acht am Sportplatz bist und ihn abholst, kommst du vielleicht nur zehn Minuten zu spät.“

Mein Wutaggregat vibriert:
„Wieso ist heute Training? Am letzten Schultag. Du hast selbst gesagt, letzte Woche sei das letzte Mal gewesen.“ Paula streitet das ab.

Die Vibrationen in meinem vegetativen Nervensystem werden stärker:
„Warum hast du das denn gestern Abend nicht gesagt?“, frage ich.

Sie hätte es nicht gewusst.
„Das mit dem Training“ hätte sich erst heute ergeben, behauptet Paula.

Mein Tonfall wird giftig:
„Verdammte Hacke, warum rufst du mich nicht an, um das zu klären? Das kostet dich zwei Minuten deines Lebens. Eine SMS geht noch schneller. Wo ist das Problem?“

Wir hätten nicht besprochen, dass ich das Auto nehme wollte, hält Paula mir nun vor.

„Herrgott nochmal“, belle ich, „selbst wenn dem so wäre: Warum hast du mich dann nicht angerufen, um es zu besprechen? Wenn etwas unklar ist, muss man es klären.“

Das sei doch nicht schlimm; es wären doch nur zehn Minuten, die ich zu spät käme, lautet Paulas nächste These.

Ich raste aus:
„Das, meine Liebe, das entscheide ich immer noch für mich selbst, ob es schlimm ist, wenn ich zu spät komme. Das ist mal wieder typisch, dass hier Pläne gemacht werden über meinen Kopf hinweg. Wunderbar, soll der Alte doch bleiben, wo er will. Alles, alles mal wieder zu meinem Nachteil.“ Ich poltere die Treppe nach oben ins Bad, reiße den Duschvorhang zur Seite und den Warmwasserhebel nach oben. Dann postiere ich mich am Treppengeländer: „Aber bitte, ich kriege das schon irgendwie hin. Fahre ich eben mit dem Rad. Kannst ihn dann selbst abholen“, knalle ich im Kasernenton raus.

Es werden drei Gläschen, die ich mit Marlies trinke. Es ist deutlich nach Mitternacht, als ich heute zum vierten Mal auf der Strecke zwischen Stadt und Zuhause bin. Ich spüre wie mein Kopf dröhnt, ich spüre, wie mein Allerwertester auf das harte Leder des Sattels drückt, ich spüre, wie meine Oberschenkel brennen.

Kurt Tucholsky war ein kluger Kopf.


Sonntag, 26. Juli 2015

Bis zur Schmerzgrenze

Volker ist ein Arschloch. Er ist sogar der Prototyp eines Arschlochs. Schlimmer noch: Er ist von Grund auf bösartig. Kurzum, die Inkarnation eines Feindbildes. Meines Feindbildes. Er ist der Finanzchef unserer Firmengruppe. Von dort hat er den Auftrag bekommen, die Bilanzfälschung aufzuklären, die Anfang des Jahres aufgedeckt wurde. Dabei gibt er sich redlich Mühe. Wobei er seiner Niedertracht und damit sich treu bleibt. Immer wieder versucht er, auch mich aufs Glatteis zu führen. Als Zahlenmensch ist er allerdings ein „Alpha Kevin“ der Rhetorik. Und damit bei mir an den falschen geraten. Ich habe nichts zu verbergen. Dennoch muss ich ihn immer mal wieder daran erinnern, dass ich keine Antworten geben werde, die mich selbst in Misskredit bringen könnten. Er rechtfertigt sein Vorgehen mit dem Anspruch des Unternehmens, jede noch so kleine Unregelmäßigkeit zu klären. „Zero Tolerance“ nennt er das dann. Das ist meist der Moment, in dem ich meine rechte Augenbraue hochziehe – wobei ich vermutlich nur halb so arglistig wirke, wie der liebe Volker – und mich übergeben möchte.

Paula hat monströse Kopfschmerzen. Nicht das dumpfe übliche Dröhnen einer wetterbedingten Migräne. Nein, sie krümmt sich unter stichartigen Schmerzattacken. Über Nacht hat sie bereits 1.200 mg Schmerzmittel eingenommen. So geht es nicht weiter. Ich werfe das Leergut in die Transportkiste, wir fahren in die Klinik. Paula checkt in der Notaufnahme ein. Ich gehe einkaufen. Das wirkt vielleicht ein bisschen herzlos. Aber: Erstens sind es nur zwei Tage bis Heiligabend; die Weihnachtseinkäufe müssen gemacht werden. Schließlich kommt Lilith über die Feiertage zu Besuch. Zweitens dauert es meist Stunden, bis alle Untersuchungen in der Notaufnahme erledigt sind. So auch diesmal. Paula ruft mich nicht an wie verabredet und so fahre ich die Einkäufe sogar erstmal nach Hause. Als Paula sich endlich meldet und ich neben ihr auf dem Krankenbett sitze, dauert es noch eine Stunde, bis alle Formalitäten erledigt sind und ein Arzt ein letztes Statement zur Diagnose abgibt: „Nichts Spezifisches.“ Mit Paulas Krankschreibung und einem Rezept für noch mehr, noch höherdosierte Schmerzmittel in der Tasche fahren wir nach Hause.

Es hilft alles nichts: Paula schleppt sich – von den Medikamenten reichlich abgeschossen und immer noch mit wildesten Schmerzen – durch die nächsten Tage. Eigentlich verbringt sie die meiste Zeit im Bett. Wenn sie für ein paar wenige Stunde aufsteht, stöhnt sie unter den anhaltenden Stichen im Kopf regelmäßig auf. Die Stimmung ist bei uns allen auf dem Nullpunkt. Weihnachten können wir abhaken. Wir können nichts unternehmen. Alles, was wir uns vorgenommen haben, bleibt liegen. Aufgrund der hohen Medikamentendosen muss Paula jeden Tag zum Hausarzt, um die Blutwerte prüfen zu lassen.

Am 28. Dezember sind die Schmerzen noch schlimmer. Der Hausarzt weiß sich nicht mehr zu helfen, empfiehlt Paula, bei einem Dermatologen vorstellig zu werden. Lilith fährt mit Paula in die Klinik. Nur eineinhalb Stunden später sind sie zurück. Der Verdacht des Hausarztes hat sich bestätigt: Herpes Zoster. Paula bekommt nun (zusätzlich) andere Medikamente. Das hilft. Aber Paula ist nun (wie) im Drogenrausch. Die miese Stimmung bleibt. Die Jungs, Lilith und ich müssen die Tage neu und anders organisieren. Als Lilith wieder weg ist, bleibt das meiste zwangsläufig an mir hängen. Von dem Urlaub, den ich genommen habe, habe ich nicht viel.

Heute bin ich mit ein paar Kollegen verabredet, die Einkäufe will ich vorher erledigen. Deshalb habe ich mit Paula gestern geklärt, wann sie zu ihrem Termin muss: „Ich gehe um 11:00 Uhr“, hat sie gesagt. Jetzt ist es 10:00 Uhr, ich komme die Treppe herunter und erinnere an die Vereinbarung: „Ich gehe dann eben mal einkaufen, das schaffe ich ja locker in einer Stunde.“ Paula reißt die Augen auf, beugt sich leicht nach vorne. Sie sieht jetzt aus wie eine Hyäne in Angriffsstellung. Wie ein Hyäne kläfft sie auch los – hart und grob: „Sag‘ mal! Hast du mir nicht zugehört? Ich brauche das Auto. Ich muss um 11:00 h bei meinem Termin sein!“ Ich versuche, den Unterschied zwischen „um 11:00 Uhr gehen“ und „um 11:00 Uhr dort sein“ zu erläutern. Lautstark und giftig führen wir den ebenso sinnlosen wie stets wiederkehrenden Streit über den Wortlaut des Gesagten. Das endet auch diesmal in Grundsätzlichem: „Kannst du ein einziges Mal …“, ballert mir Paula entgegen, „… auch nur ein einziges beschissenes Mal in diesem Leben auf mich Rücksicht nehmen?“

Mir stockt der Atem. Weniger wegen Weihnachten; sie kann ja nichts dafür. Aber bestimmt wegen all der Jahre mit ihrer Depression. „Zero Tolerance“. Paula sieht das selbstverständlich genau andersherum als ich. Dennoch oder gerade deshalb ist mir gerade zum Kotzen.


Sonntag, 19. Juli 2015

Die Duplizität der Ereignisse – eine Randnotiz

T. C. Boyle ist einer meiner Lieblingsschriftsteller. Seine Geschichten sind so absonderlich wie sein zweiter Vorname Coraghessan. „World’s End“ (von 1987) ist eines meiner Lieblingsbücher. Nicht nur, weil es das erste seiner Bücher war, das ich je gelesen habe. Manchmal möchte ich dieses Buch verschenken. An Carine. In morgendämmrigen Momenten, in denen die Vernunft über Schwanz und Herz siegt. Den Momenten, in denen mir sonnenklar ist, dass es keinen Sinn macht, Carine weiter zu bezirzen.

Carine wird den Absprung aus ihrer desolaten Ehe („Ich habe jetzt aber keine Lust, dich in den Arm zu nehmen.“) nicht schaffen. Zu lange schon ist sie mit diesem Mann zusammen bzw. verheiratet. Zu schön sind die dolce vita und der soziale Status, den sie als Teil der Haute Volée unserer Stadt genießen. Und zu groß ist die Angst, ihre Kinder im Stich zu lassen. (Was sie de facto ja gar nicht würde tun müssen ... sag‘ ihr das bitte mal jemand!)

Über Jahrhunderte kreuzen sich in „World’s End“ Wege und Schicksale der Familien Van Brunt und Van Wart. Wie von einem jenseitigen Puppenspieler gelenkt, wiederholen sich dabei die Ereignisse: Im Jahre 1663 muss Jeremias Van Brunt ein Fuß amputiert werden; 1968 verliert Walter Van Brunt ein Bein bei einem Motorradunfall. 1990 habe ich Carine zum ersten Mal getroffen und mich in sie verliebt. 2012 spricht sie mich auf dem Schulfest an. Und ich mag sie. Wieder. Mehr als ich vermutlich sollte.

Ich treffe Carine häufig zum Kaffeetrinken. Auch am Donnerstag. Am nächsten Dienstag hat sie ihre Operation. Schulterinstabilität links lautet die Diagnose. Sie hätte das schon viel früher machen lassen müssen. Das weiß sie. Doch erst nach der ach-was-wie-ich-denn-wievielten Ausrenkung im letzten Jahr hat sie sich dazu durchgerungen. Die Spezialklinik liegt in rund 200 km Entfernung. Carine fährt mit dem Zug alleine dorthin. Sie ist hibbelig, ziemlich aufgekratzt, nicht wirklich für eine Plauderei zu haben. Als ich wieder im Büro bin, organisiere ich eine Blumenstraußlieferung in die Spezialklinik. Für den Mittwoch nach der OP. „Vielen, vielen Dank für die Blumen. Da bin ich ja mal platt und freu‘ mich riesig“, steht in der SMS, die sie mir schickt. (Ihr Gatte hat sie nicht mal angerufen. Doch das nur so am Rande.)

Paula weint: „Pauli …“ – Pauli sagt sie nur, wenn sie mir eröffnen will, dass die Kinder irgendetwas kaputt gemacht haben, was mir gehört. Oder wenn etwas Schlimmes passiert ist. Heute ist etwas Schlimmes passiert: „Pauli, komm‘ schnell. Ich habe hier vorne an der Ecke einen Unfall gehabt.“ Heute ist Sonntag. Sie wollte nur eben zur Bäckerei radeln, um Brötchen zu holen. „Ja, ich komme“, krächze ich an dem Kloß im Hals vorbei ins Telefon.

Ich ziehe mir die verschwitzte Jeans von gestern an, springe in die Flip-Flops, renne die Treppe hinauf zu den Kindern. Die hatte Paula schon geweckt, bevor sie zum Bäcker aufbrach. „Leute, die Mama hatte einen Unfall. Ich fahre da jetzt hin. Bitte macht euch keine Sorgen. Sie hat am Telefon gesagt, es sei nicht so schlimm. Ich melde mich gleich.“ Ich verstehe nicht mehr, was die Jungs hinter mir herrufen. Ich bin schon auf der Treppe, schnappe mir das Handy, renne zum Auto und fahre los. Es sind nur dreihundert Meter. Paula liegt auf dem Radweg. Ein Mann im blauen Hemd beugt sich über sie. (Ein Notarzt, der zufällig vorbeikam, wie sich später herausstellt.) Ein anderer steht etwas ratlos daneben, nestelt an seinem Handy herum. Eine Frau kniet neben Paula auf dem Asphalt und hält ihre Hand. Die Decke unter Paulas Kopf stammt aus ihrem Auto. Ich fahre auf die Garageneinfahrt, die direkt an der Unfallstelle liegt. Ich springe aus dem Auto und laufe dorthin. Paula ist käseweiß im Gesicht.

Ich knie mich hin, nehme Paulas andere Hand in meine. „Was ist passiert?“, frage ich. „… um die Kurve … Mann entgegen … musste bremsen … abgestiegen über Lenker …“ wispert Paula bruchstückhaft. Ich wende mich dem Notarzt im blauen Hemd zu. „Sie ist auf die Seite gestürzt“, sagt er …

… „die linke Schulter ist kaputt.“

Das war vor vier Stunden. Wir hatten den Krankenwagen gerufen, weil Verdacht auf Rippenbruch besteht. Ich muss an T.C. Boyle denken. Während ich diesen Post schreibe, warte ich auf den Anruf aus der Klinik.


Freitag, 19. Juni 2015

Bauchfrei

"Ich habe getanzt. Ich habe so abartig getanzt bis der Anzug weiße Schweißränder hatte.“ Hanno war wieder im Swinger-Club. Und er erzählt. Seine Stimme ist tief. Ruhig. Extrem angenehm. Er wischt sich eine schüttere blonde Haarsträhne aus der Stirn: „Das war so was von geil! Ich hab‘ mir den Wolf getanzt und sie lag vor mir auf der Liege und hat sich’s selbst besorgt.“

Egal wann, egal wo und egal zu welchem Anlass, Hanno hält mit seinen Neigungen nicht hinter dem Berg. Das nervt. Ein bisschen wenigstens. Er ist ein lieber Kerl. Einer, dessen Umgang mit seinen Mitmenschen ebenso warm ist wie seine Stimme. Ich treffe mich ab und zu mit ihm. Schließlich haben wir zusammen Abitur gemacht. Und wir waren letztes Jahr zusammen bei dem Status-Quo-Konzert. Auf dem Rückweg haben wir im Auto die Hits der Neuen Deutschen Welle gegrölt. Volle Kanne. Was die Stereoanlage und unsere Stimmen hergaben. Ein sensationeller Herrenabend. Wie eben alle Abende mit ihm. Ich mag ihn recht gern. Zugegeben: Anfangs hatte ich meine Probleme mit seiner Offenheit. (Ja, man kann sich auch mit Anfang Fünfzig gehörig fremdschämen.) Mittlerweile habe ich begriffen, dass es erstens zum Habitus von Swingern gehört, sich auch öffentlich dazu zu bekennen, und zweitens, dass Hanno etwas richtig macht: Er lebt seine Phantasien.

Das tue ich nicht. Swingen gehört auch nicht zu meinen Phantasien. Ich tue es nicht, weil mir die Partnerin dazu fehlt. Paula hat keine Phantasien. Ihr Porno-Kopfkino ist lange schon geschlossen. Hanno und ich verabschieden uns. Ich trotte zur Bushaltestelle und nehme den 0:40er. Ich starre auf die regennasse Straße. Ich denke darüber nach, ob Paulas Kopfkino überhaupt je eröffnet wurde. Etliche Male hat sie exaltiert „Beweg‘ dich, stoß zu, fick mich!“ gefordert. Okay. Ein anderes Mal hat sie mir angeboten, zu tun, was ich will. Gegen den Versuch, Ihre Brustwarzen mit ihrem Vaginalsekret zu befeuchten, hat sie sich gewehrt. Nicht okay. Ihre Antwort auf meine Frage – und ich stelle sie häufig während wir miteinander schlafen – worauf sie denn jetzt Lust hätte, ist stereotypisch: „… ist alles gut so …“. Oralverkehr – hatten wir den mal? Leidenschaftlich geknutscht haben wir schon seit Jahren nicht mehr. Es kommt mir vor, als hätte ein richtiger Zungenkuss mit Paula die Erotik eines Beischlafs mit ihr längst überflügelt. Das Thema Phantasien zu besprechen, vielleicht sozusagen postkoital oder gar außerhalb des Bettes – ausgeschlossen. Darauf reagiert Paula nicht. Sie hat buchstäblich jedes Gefühl dafür verloren.

Diese Gedanken sind – das liegt in der Natur der Sache – quasi das Ticket zu meinem Kopfkino. Als ich ins Schlafzimmer schleiche, höre ich Paulas gehauchtes Schnarchen. Die Live-Performance fällt heute leider aus. Die Hauptdarstellerin ist verhindert.

Heute ist Samstag. Ich habe es endlich mal geschafft: Ich sortiere Hosen, Hemden und T-Shirts aus, die ich nicht mehr tragen möchte. Da hat sich ein beträchtlicher Hügel angesammelt. Ich freue mich. Ich bin gut gelaunt. Paula kommt vom Joggen nach Hause. Sie trägt das violette kurze Sporttop. Ihr nackter Bauch glänzt vom Schweiß. Der Projektor in meinem Kopfkino springt an. Ich lächle, sie gibt mir einen Begrüßungskuss. Flüchtig. Ich streichle ihren Po, als sie sich zwischen mir und dem Ausmistwäschestapel durchschlängelt. Sie knotet die Laufjacke von ihren Hüften, legt sie auf den Sessel. Der Projektor hat jetzt Betriebstemperatur. Ich tue so, als räumte ich den Stapel mit dem Fuß beiseite, streichle über ihren Bauch. Diesen irrsinnig flachen Bauch. Den Bauch, der mich am meisten anmacht. Paula weicht zurück: „Lass‘ mal, ich schwitze.“ POFF – die Glühbirne im Projektor platzt, das Licht geht aus. Und die Ausmisterei weiter. Paula zieht sich aus; nackt schlängelt sie sich wieder an mir vorbei Richtung Dusche. Ich sehe nicht hin. In dem Dunkel, das die zerborstene Projektorbirne hinterlassen hat, ist ohnehin nichts zu erkennen.

Am Abend sitzen wir beim Essen auf dem Balkon. Paula trägt jetzt ein ärmelloses Top. Mit tiefem V-Ausschnitt. Einen BH trägt sie nicht. Irgendein Spaßvogel setzt den Projektor wieder in Gang, als ich ihr aufs Dekolleté schiele. Die Jungs sitzen nebeneinander und kaspern herum: Mit seinem Zeigefinger piekt der ältere dem jüngeren in Schulter, Armen und Rücken. Als er ihm in den Bauch sticht, faucht der Gepiesackte: „Du Schwuchtel, hör‘ auf an meinem Bauch rumzufummeln!“ „Ooooch, der Kleine“, kommt postwendend die Replik, „hat Aua-Bauch“. Jetzt mischt sich Paula ein: „Du, ich kann das verstehen. Ich werde auch nicht so gerne am Bauch angefasst.“

Als die Kinder im Bett sind, informiere ich Paula, dass ich noch mit meinen Kolleginnen verabredet sei.
Ich gehe tanzen.